Die zweite Generation der RAF steht für den Moment, in dem sich linksterroristische Gewalt in der Bundesrepublik von der ideologischen Provokation zur kalkulierten Erpressung des Staates verschob. Wer dieses Kapitel der neueren deutschen Geschichte verstehen will, muss nicht nur die Namen und Anschläge kennen, sondern auch die Dynamik aus Haft, Solidaritätsmilieus, strategischer Eskalation und staatlicher Reaktion. Genau darum geht es hier: um Herkunft, Ziele, wichtigste Taten und die Folgen dieser Phase für die Bundesrepublik.
Die zweite RAF-Generation verlagerte den Terror von der Revolte zur gezielten Erpressung
- Sie entstand aus dem Umfeld nach den ersten Verhaftungen und aus der Logik, inhaftierte RAF-Mitglieder freizupressen.
- Ihr markantester Einschnitt war die sogenannte Offensivphase von 1977 mit Buback, Ponto, Schleyer und der Entführung der „Landshut“.
- Im Unterschied zur ersten Generation trat die Freipressung Gefangener stärker in den Vordergrund als die allgemeine Revolutionsrhetorik.
- Die zweite Generation nahm den Tod Unbeteiligter bewusst in Kauf und verschärfte damit die Qualität der Gewalt deutlich.
- Der Deutsche Herbst führte zu einer langfristigen Sicherheitsdebatte und veränderte den Umgang des Staates mit Terrorismus.
Wie die zweite Generation der RAF entstand
Ich ordne die zweite Generation vor allem als Folge einer doppelten Zuspitzung ein: Die erste RAF-Führung saß in Haft, und aus dem Milieu der Sympathisanten, Mitläufer und ideologisch nahen Gruppen formierten sich neue Täterkreise. Nach den Festnahmen der frühen 1970er-Jahre blieb die RAF also nicht einfach stehen; sie veränderte sich. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt diese Phase als eine Generation, deren Verbrechen vor allem auf die Freipressung der Inhaftierten zielten.
Wichtig ist dabei der soziale und organisatorische Übergang. Neue Akteure kamen aus bereits radikalisierten Zusammenhängen, etwa aus dem Umfeld des Sozialistischen Patientenkollektivs oder aus anderen militanten Gruppen. Zugleich wirkte der Gefängnisraum selbst als politischer Verstärker: Die inhaftierten RAF-Mitglieder blieben über Erklärungen, Hungerstreiks und publizistische Interventionen präsent. Dadurch entstand ein Kreislauf aus Symbolpolitik draußen und Radikalisierung drinnen.
Schon früh zeigte sich außerdem, dass sich die operative Logik verschärfte. Aus der Idee einer antistaatlichen Revolte wurde mehr und mehr ein Krieg um Gefangene, Sichtbarkeit und Druck. Das war kein bloßer Stilwechsel, sondern ein strategischer Bruch. Wer die zweite Generation verstehen will, muss genau diesen Bruch im Blick behalten. Er erklärt, warum die folgenden Jahre so konzentriert auf spektakuläre Angriffe zuliefen.
Worin sie sich von der ersten Generation unterschied
Die erste RAF-Generation war stark von der Vorstellung geprägt, den „Herrschaftsapparat“ insgesamt zu attackieren. Die zweite Generation handelte enger, härter und in einem anderen politischen Takt. Sie war weniger eine ideologische Neugründung als eine Eskalation unter Haftdruck. Genau das macht den Unterschied historisch so relevant.
| Kriterium | Erste Generation | Zweite Generation |
|---|---|---|
| Zentrales Ziel | Angriff auf Staat und „System“ als Ganzes | Freipressung inhaftierter RAF-Mitglieder |
| Politische Logik | Revolutionäre Selbstinszenierung | Erpressung, Druck und Vergeltung |
| Gewaltmuster | Bereits brutal, aber noch stärker von Symbolik begleitet | Noch rücksichtsloser, mit bewusst einkalkulierten Opfern unter Unbeteiligten |
| Öffentliche Wirkung | Politisierung und Provokation | Angst, Krisenmodus und Sicherheitsverschärfung |
| Historische Wahrnehmung | Teil der späten 68er-Radikalisierung | Kernphase des linksterroristischen Staatskonflikts in der Bundesrepublik |
Diese Unterschiede sind nicht nur akademisch. Wer beide Generationen gleich behandelt, verfehlt den Kern: Die zweite Generation verschob die Grenze des Denkbaren. Sie machte den Tod Unbeteiligter billigend zum Mittel der Strategie. Genau an diesem Punkt wird aus politischem Extremismus Terrorismus im engeren Sinn.
Das führt direkt zur Eskalation von 1977, in der sich die Logik dieser Generation am sichtbarsten verdichtete.

Warum der Deutsche Herbst zum Wendepunkt wurde
1977 war das Jahr, in dem die zweite Generation ihre größte Wirkung entfaltete. Den Auftakt bildeten gezielte Angriffe auf Spitzenvertreter des Staates und der Wirtschaft: Generalbundesanwalt Siegfried Buback wurde im April ermordet, Jürgen Ponto im Sommer erschossen. Im September folgte die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Das war kein isolierter Einzelfall, sondern Teil einer abgestimmten Druckstrategie.
Mit der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch ein palästinensisches Kommando eskalierte die Lage weiter. Aus heutiger Sicht ist gerade diese Verknüpfung entscheidend: die Verbindung von inländischem Terror, internationaler Vernetzung und maximaler politischer Erpressung. Die zweite Generation arbeitete nicht mehr nur im Schatten der ersten, sondern griff in einen europäischen Gewaltkontext hinein.
Die Folge war eine der schwersten Staatskrisen der frühen Bundesrepublik. Der Staat musste reagieren, ohne sich erpressbar zu machen. Genau darin lag der harte Kern des Konflikts: Jede staatliche Entscheidung stand unter dem Druck, entweder Schwäche zu zeigen oder rechtsstaatliche Prinzipien zu verteidigen. Beides war riskant, und beides wurde öffentlich kontrovers diskutiert.
Die Ereignisse des Deutschen Herbstes kosteten der RAF große Teile ihrer gesellschaftlichen Restsympathien. Aus einer radikalen Minderheit wurde nun für viele das, was sie tatsächlich war: eine Organisation, die politische Ziele mit brutaler Gewalt verfolgte und dafür auch Unbeteiligte opferte. Dieser Vertrauensverlust prägte die Jahre danach nachhaltig.
Welche strategische Logik hinter den Anschlägen stand
Die zweite Generation arbeitete nicht zufällig, sondern mit einer klaren, wenn auch zerstörerischen Logik. Zunächst ging es um die Befreiung oder zumindest um die Entlastung der Inhaftierten. Daraus folgte eine Form von Gewalt, die auf Aufmerksamkeit, Verhandlungsspielräume und psychologischen Druck setzte. In dieser Hinsicht war die RAF weniger eine klassische Untergrundgruppe als eine Erpressungsstruktur mit politischem Überbau.
Nach 1977 änderte sich die Lage erneut. Die Gruppe musste Niederlagen verkraften, neue Strukturen aufbauen und zugleich die eigene Handlungsfähigkeit demonstrieren. Deshalb kam es später zu Banküberfällen und weiteren Anschlägen, etwa auf NATO- und US-Ziele. Auch hier zeigt sich ein wichtiger Punkt: Die RAF suchte nicht bloß den spektakulären Einzelschlag, sondern die fortgesetzte Behauptung von Relevanz.
Ich halte diese Phase für besonders lehrreich, weil sie eine typische Logik politischer Gewalt sichtbar macht. Wenn eine Gruppe in der eigenen Erzählung immer stärker auf „Befreiung“ und „Vergeltung“ angewiesen ist, verengt sich ihr Handlungsspielraum. Je mehr sie Druck erzeugen will, desto stärker entkoppelt sie sich von jeder realen politischen Perspektive. Genau das passierte hier.
Darum war die zweite Generation auch kein Übergang zu einer neuen, tragfähigeren Linie, sondern eher der Punkt, an dem die innere Verarmung der RAF offen sichtbar wurde.
Wie Staat und Gesellschaft darauf reagierten
Der Staat reagierte mit operativer Härte, besserer Koordination und einem deutlich erweiterten Sicherheitsapparat. Dazu gehörten Fahndungsdruck, Spezialeinheiten, verbesserte Zusammenarbeit der Behörden und ein breiteres Instrumentarium zur Terrorismusbekämpfung. Der entscheidende Punkt ist aber nicht nur die technische Seite. Ebenso wichtig war die politische Frage, wie weit ein demokratischer Staat gehen darf, ohne seine eigenen Grundlagen zu beschädigen.
Für die Gesellschaft hatte diese Phase ebenfalls Folgen. Angst, Medienpräsenz und politische Polarisierung gingen Hand in Hand. Die RAF lebte von der öffentlichen Bühne, und die Öffentlichkeit lebte zugleich in permanenter Beobachtung dieser Bedrohung. Das erzeugte eine eigentümliche Atmosphäre aus Alarmbereitschaft und moralischer Überforderung. Solche Phasen hinterlassen in einer Demokratie immer Spuren, auch wenn sie später wieder abklingen.
Hinzu kam die langfristige institutionelle Wirkung. Die Terrorjahre stärkten die Bereitschaft, Sicherheitsfragen ernster zu nehmen, und sie veränderten den Blick auf politische Radikalisierung. Ich finde besonders wichtig, dass daraus nicht nur Abwehrmechanismen entstanden, sondern auch eine kritischere Debatte über rechtsstaatliche Grenzen, Medienlogik und den Umgang mit politischem Extremismus.
Gerade deshalb ist diese Geschichte nicht nur ein Polizeithema, sondern auch ein Kultur- und Erinnerungsthema. Wer den deutschen Herbst versteht, versteht ein Stück Bundesrepublik als Konfliktgesellschaft.
Was dieses Kapitel der deutschen Zeitgeschichte heute noch erklärt
Die zweite Generation der RAF ist mehr als eine historische Etappe. Sie zeigt, wie schnell aus ideologischer Verhärtung konkrete Tötungsbereitschaft werden kann, wenn eine Gruppe nur noch in Eskalationsstufen denkt. Sie zeigt auch, wie verletzlich offene Gesellschaften sind, wenn Gewalt mit politischer Sprache verkleidet wird.
Für mich liegt der bleibende Wert dieser historischen Phase nicht im Mythos, sondern in der Nüchternheit. Wer heute über die RAF spricht, sollte die Opfer, die politischen Folgen und die Mechanik der Radikalisierung zusammen sehen. Erst dann wird klar, warum diese Generation nicht als bloßes Detail der 1970er-Jahre abgetan werden darf.
Gerade im Kontext deutscher Geschichte und Erinnerungskultur bleibt die zweite RAF-Generation ein Fallbeispiel dafür, wie Demokratie unter Druck gerät, wie sie reagiert und welche Preisfragen am Ende offen bleiben. Wer das nachvollziehen will, sollte nicht bei den spektakulären Namen stehen bleiben, sondern die Struktur dahinter lesen: Haft, Eskalation, Symbolpolitik und das Scheitern jeder politischen Perspektive.