Wer nach dem Zeitpunkt der Hexenverbrennungen fragt, stößt schnell auf ein hartnäckiges Missverständnis: Die großen Verfolgungswellen gehören nicht hauptsächlich ins „finstere Mittelalter“, sondern in die Frühe Neuzeit. Ich ordne die Entwicklung zeitlich ein, zeige die wichtigsten Wendepunkte in Europa und erkläre, warum besonders die deutschen Territorien zwischen dem späten 16. und der Mitte des 17. Jahrhunderts betroffen waren.
Die entscheidenden Zeiträume auf einen Blick
- Höhepunkt: Die meisten Hexenprozesse fanden ungefähr zwischen 1580 und 1650 statt.
- Mittelalter: Bis etwa 1400 gab es keine europaweite, systematische Hexenverfolgung im späteren Sinn.
- Deutschland: Besonders intensive Wellen traten um 1590, 1630 und 1660 auf.
- Strafe: Nicht jede verurteilte Person wurde verbrannt. Es gab auch Hinrichtungen, Gefängnisstrafen, Verbannung und Freisprüche.
- Ende: Einzelne Prozesse reichten bis ins 18. Jahrhundert. Als letzte legale Hinrichtung in Europa gilt meist der Fall Anna Göldi in der Schweiz im Jahr 1782.

Wann die großen Hexenverbrennungen wirklich stattfanden
Die kurze Antwort lautet: Die großen Hexenverfolgungen fanden vor allem zwischen etwa 1450 und 1750 statt, mit einem deutlichen Schwerpunkt im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Im Mittelalter gab es zwar Vorstellungen von Zauberei und Schadensmagie, doch daraus entstand lange keine flächendeckende Jagd auf angebliche Hexen.
Ich halte diese Unterscheidung für besonders wichtig, weil populäre Darstellungen Mittelalter und Frühe Neuzeit oft vermischen. Die intensivsten Verfolgungen fielen in eine Zeit, in der Gerichte, Territorien und religiöse Autoritäten bereits deutlich stärker organisiert waren als im frühen Mittelalter.
| Zeitraum | Historische Entwicklung | Einordnung |
|---|---|---|
| 500 bis 1200 | Zauberei wird religiös und rechtlich unterschiedlich bewertet. | Keine systematische europäische Hexenjagd |
| 1200 bis 1450 | Ketzerverfolgungen und neue Vorstellungen vom Teufelspakt gewinnen an Bedeutung. | Übergangsphase |
| 1450 bis 1550 | Der gelehrte Hexenbegriff verbreitet sich; erste größere Prozesse entstehen. | Beginn der frühneuzeitlichen Verfolgungen |
| 1580 bis 1650 | In vielen Regionen kommt es zu massenhaften Anklagen und Hinrichtungen. | Europäischer Höhepunkt |
| 1650 bis 1750 | Prozesse gehen zurück, dauern regional aber weiter an. | Langsames Ende |
Die Universität Wien fasst die Forschungslage ähnlich zusammen und betont, dass die großen Verfolgungswellen ein Phänomen der Frühen Neuzeit waren. Das verändert den Blick auf das Thema: Nicht ein vermeintlich besonders barbarisches Mittelalter erklärt die Verfolgungen, sondern ein Zusammenspiel aus Religion, Recht, Politik und sozialen Krisen.
Warum das Mittelalter häufig falsch eingeordnet wird
Im mittelalterlichen Europa existierten durchaus Anschuldigungen wegen Zauberei. Häufig ging es dabei jedoch um konkrete Vorwürfe wie Schadenszauber, Wahrsagerei oder den Einsatz von Heilmitteln. Der später verbreitete Vorwurf eines organisierten Teufelsbundes mit nächtlichen Versammlungen setzte sich erst allmählich im späten Mittelalter durch.
Kirchliche Autoritäten standen der Vorstellung, dass Menschen tatsächlich fliegen oder sich in Tiere verwandeln könnten, lange skeptisch gegenüber. In mehreren mittelalterlichen Texten wurde der Glaube an solche Fähigkeiten eher als Täuschung oder Aberglaube bewertet. Das bedeutet nicht, dass Betroffene ungefährdet waren, aber die rechtliche Behandlung unterschied sich deutlich von den späteren Massenprozessen.
Der Wandel im 15. Jahrhundert
Ab dem 15. Jahrhundert verbanden Gelehrte ältere Vorstellungen von Magie mit dem Bild einer verschwörerischen Hexensekte. Nun wurde nicht mehr nur behauptet, eine einzelne Person habe jemandem geschadet. Der Vorwurf lautete zunehmend, sie habe sich mit dem Teufel verbündet und damit die christliche Ordnung bedroht.
Schriften wie der Malleus Maleficarum, der 1486 oder 1487 erschien, verstärkten diese Denkweise. Das Buch war kein allgemeingültiges Gesetzbuch und löste nicht automatisch Prozesse aus. Es prägte jedoch die Sprache und Argumentation, mit der Hexerei als besonders schweres Verbrechen dargestellt wurde.
Die wichtigsten Phasen der Hexenverfolgung in Europa
Eine einzelne Jahreszahl würde der Geschichte nicht gerecht. Ich arbeite bei diesem Thema lieber mit mehreren Phasen, weil die Entwicklung regional sehr unterschiedlich verlief und manche Länder deutlich zurückhaltender vorgingen als andere.
Erste Wellen um 1420 bis 1500
In Teilen der westlichen Alpen, im heutigen Frankreich, in der Schweiz und in angrenzenden Gebieten entstanden im 15. Jahrhundert frühe größere Verfolgungswellen. Diese Verfahren waren noch nicht überall häufig, zeigten aber bereits das neue Muster aus Teufelsbund, Schadenszauber und Kollektivverdacht.
Ausweitung im 16. Jahrhundert
Im 16. Jahrhundert verbreiteten sich entsprechende Vorstellungen weiter. Die Reformation und die konfessionellen Konflikte verschärften in manchen Regionen den Wunsch, religiöse und soziale Ordnung besonders streng zu überwachen. Gleichzeitig wurden Hexereidelikte in weltliche Strafrechtsordnungen aufgenommen, etwa in die Constitutio Criminalis Carolina von 1532.
Das bedeutete nicht, dass jede Anklage mit einer Verbrennung endete. Ein Prozess konnte auch mit einem Freispruch, einer Verwarnung oder einer anderen Strafe enden. In der Praxis erhöhten jedoch Folter, Denunziationen und erzwungene Geständnisse das Risiko, dass sich Verfahren auf weitere Personen ausweiteten.
Der Höhepunkt zwischen 1580 und 1650
In dieser Phase erreichten die Verfolgungen in vielen Teilen Europas ihren Höhepunkt. Besonders betroffen waren das Heilige Römische Reich, Teile Frankreichs, die heutigen Benelux-Länder und einige Schweizer Gebiete. Die Intensität hing weniger von einer einheitlichen europäischen Politik ab als von den Entscheidungen einzelner Landesherren, Gerichte und lokaler Amtsträger.
Im Deutschen Reich lassen sich mehrere starke Wellen erkennen, unter anderem um 1590, 1630 und 1660. Die Prozesse verliefen also nicht kontinuierlich, sondern schossen regional oft plötzlich in die Höhe und brachen ebenso wieder ab.
Rückgang im späten 17. und 18. Jahrhundert
Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden viele Gerichte vorsichtiger. Höhere Instanzen verlangten häufiger belastbare Beweise, begrenzten die Folter oder stoppten Verfahren. Auch ein stärkeres Interesse an juristischer Beweisführung und neue naturwissenschaftliche Erklärungen schwächten den Glauben an den klassischen Hexenprozess.
Das Ende kam trotzdem nicht überall gleichzeitig. Der Fall Anna Göldi im Kanton Glarus zeigt, dass eine Hinrichtung wegen angeblicher Hexerei noch 1782 möglich war. Sie gilt meist als die letzte legale Hinrichtung dieser Art in Europa, auch wenn einzelne spätere Verfahren und Übergriffe nicht vollständig verschwanden.
Warum gerade deutsche Territorien besonders stark betroffen waren
Deutschland war damals kein zentral regierter Nationalstaat, sondern bestand aus zahlreichen Fürstentümern, Bistümern, Reichsstädten und kleineren Herrschaften. Diese politische Zersplitterung schuf viele voneinander getrennte Gerichtsbezirke. Dadurch konnte eine Verfolgung in einem Gebiet eskalieren, während wenige Kilometer entfernt kaum Prozesse stattfanden.
Besonders hohe Zahlen werden unter anderem aus Bamberg, Würzburg und Eichstätt berichtet. Dort konnten lokale Behörden, geistliche Herrscher und Sonderkommissionen die Verfahren über längere Zeit vorantreiben. Gleichzeitig hielten sich größere Territorien wie die Kurpfalz oder Württemberg im Vergleich teilweise stärker zurück.
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Welche Faktoren die Prozesse antrieben
- Religiöse Spannungen: Katholische und protestantische Obrigkeiten wollten ihre jeweilige Ordnung festigen.
- Lokale Krisen: Missernten, Krankheiten, Brände oder Viehsterben wurden nach Schuldigen suchen lassen.
- Gerichtliche Strukturen: Folter und Denunziationen konnten aus einem einzelnen Verfahren eine Prozesswelle machen.
- Soziale Konflikte: Nachbarschaftsstreit, Erbschaftskonflikte und persönliche Feindschaften spielten häufig eine Rolle.
- Obrigkeitlicher Druck: Manche Herrscher wollten durch harte Urteile ihre Handlungsfähigkeit demonstrieren.
Eine monokausale Erklärung greift deshalb zu kurz. Das Deutsche Historische Museum weist ebenfalls darauf hin, dass die Ursachen regional verschieden waren. Für mich ist gerade diese regionale Perspektive entscheidend, weil sie zeigt, dass Hexenverfolgung keine automatische Folge von Armut oder Unwissenheit war, sondern von konkreten politischen und juristischen Bedingungen abhing.
Was eine Hexenverbrennung tatsächlich bedeutete
Der Begriff ist anschaulich, aber historisch verkürzt. In vielen europäischen Rechtsordnungen wurde die Verbrennung als Hinrichtung für ein besonders schweres Verbrechen eingesetzt. Häufig erfolgte sie nach einem Geständnis, das nicht selten unter Folter erzwungen worden war.
Vor der Hinrichtung standen meist Anzeige, Verhaftung, Verhör und eine gerichtliche Untersuchung. Wurde die beschuldigte Person freigesprochen, konnte sie trotzdem gesellschaftlich dauerhaft beschädigt sein. Kam es zu einem Geständnis, wurden oft weitere Namen genannt, wodurch sich der Verdacht auf Familienmitglieder, Nachbarn oder andere Menschen im Ort ausdehnte.
Ebenso wichtig ist die Einschränkung, dass nicht alle Verurteilten verbrannt wurden. Je nach Region und Urteil kamen auch Enthauptung, Erhängen, Gefängnis, Geldstrafen oder Verbannung vor. Die Forschung spricht deshalb meist von Hexenverfolgungen oder Hexenprozessen, nicht ausschließlich von Hexenverbrennungen.
Welche Zahlen seriös sind und wo Vorsicht nötig ist
Für Europa geht die historische Forschung überwiegend von etwa 40.000 bis 60.000 Hinrichtungen wegen Hexerei aus. Die Zahl der Angeklagten lag deutlich höher, weil viele Verfahren mit Freisprüchen, Einstellungen oder nicht tödlichen Strafen endeten.
Genaue Angaben bleiben schwierig, da Akten verloren gingen, regionale Archive unterschiedlich gut erhalten sind und ältere Darstellungen die Opferzahlen oft stark übertrieben haben. Eine Zahl wie „neun Millionen Hexen“ gehört deshalb ins Reich der historischen Mythen und nicht in eine seriöse Zeitleiste.
| Frage | Historisch vorsichtige Antwort |
|---|---|
| Gab es im Mittelalter Hexenprozesse? | Ja, aber keine europaweite Massenverfolgung wie in der Frühen Neuzeit. |
| Wann lag der Höhepunkt? | Vor allem zwischen 1580 und 1650, regional mit unterschiedlichen Spitzen. |
| Wurden nur Frauen verfolgt? | Nein. Frauen bildeten vielerorts die Mehrheit, doch auch Männer wurden angeklagt und hingerichtet. |
| Wurden alle Beschuldigten verbrannt? | Nein. Es gab Freisprüche, andere Strafen und Verfahren ohne Hinrichtung. |
| Wann endeten die Prozesse? | Sie gingen im 18. Jahrhundert stark zurück, einzelne Fälle reichen jedoch bis 1782. |
Was von dieser Geschichte heute besonders wichtig bleibt
Die beste kurze Antwort auf die zeitliche Frage lautet daher: Die großen Hexenverbrennungen fanden überwiegend in der Frühen Neuzeit statt, nicht im Mittelalter. Ihr Schwerpunkt lag in Europa zwischen dem späten 16. und der Mitte des 17. Jahrhunderts, wobei das Alte Reich zu den besonders betroffenen Regionen gehörte.
Wer historische Orte, Museen oder Literatur aus Deutschland betrachtet, sollte außerdem immer nach dem lokalen Zeitraum fragen. Zwischen zwei benachbarten Territorien konnten Jahrzehnte und völlig unterschiedliche Gerichtspraktiken liegen. Gerade diese Unterschiede machen die Geschichte greifbar und bewahren davor, aus einem komplexen europäischen Prozess eine einzige, vereinfachte Erzählung zu machen.